Tod an der Ruhr

Tod an der Ruhr

Historischer Krimonalroman

Das Ruhrgebiet zu Beginn
des Industriezeitalters


September 1866. Durch das Ruhrgebiet weht der tödliche Hauch der Cholera.
Tausende sterben ringsum, doch den Sterkrader Polizeidiener Martin Grottkamp lässt der Tod eines Hüttenarbeiters nicht los, der mit klaffender Kopfwunde unterm Hagelkreuz liegt.
Grottkamp findet in den Taschen des Toten das fotografische Abbild eines nackten Mädchens. Er stellt Nachforschungen an – und gerät in einen Strudel aus Verdächtigungen und unverhohlenem Hass, aus Aufwiegelei und Erpressung, aus Lohnhurerei und unzüchtigen Verhältnissen.

emons: kriminalroman – 320 Seiten 
ISBN 978-3-89705-581-0
www.emons-verlag.de 

Cover Tod groß

Blick ins Buch

 

Seit dreiunddreißig Jahren war er nun schon in Sterkrade. Damals hatte der Bischof ihn hierher geschickt, in ein Niederrheindorf, nördlich der Emscher an der alten Poststraße zwischen Köln und Münster gelegen, in ein Bauerndorf mit wenig mehr als tausend Seelen.
    Nicht viel hatte er über Sterkrade gewusst, als er, gerade vierundzwanzig Jahre alt, an einem Frühlingstag des Jahres 1833 mit der Postkutsche aus Münster hier angekommen war.
    Das alte Kloster der Zisterzienserinnen, das hatte er natürlich gekannt. Es war über Jahrhunderte hinweg der Mittelpunkt des Ortes gewesen, bevor es in der Ära Napoleons zwischen die Mühlsteine der großen Politik geraten war.
    Von der aufstrebenden Eisenhütte am Rande des Dorfes, ja, von der hatte er damals auch schon gewusst, aber es war ein dürftiges Wissen gewesen.
    Was diese Gutehoffnungshütte für Sterkrade bedeutete, wie sie das Bauerndorf veränderte und die Menschen von ihren seit Generationen beschrittenen Lebenswegen fortriss, das hatte er nicht gewusst, das hatte er damals nicht einmal geahnt.
    Aber was hatte der junge Kaplan Witte überhaupt vom Leben gewusst? Nicht viel, wenn er es heute bedachte. Hier in Sterkrade hatte er das Leben kennengelernt. Hier erst hatte er erfahren, wie beschwerlich und mühselig es sein konnte, und hier hatte er gelernt, die Menschen zu lieben, die diese Mühsal geduldig ertrugen.
    Er hatte ihnen beigestanden in ihrem harten Leben, so gut er es vermochte, zuerst als ihr Kaplan und später als ihr Pastor. Vor acht Jahren war er auch noch Landdechant des Dekanats Wesel ge- worden und hatte sich über diese Anerkennung seines Wirkens gefreut. Aber der bedeutendste irdische Lohn für seine rastlosen Mühen war ihm stets die Zuneigung seiner Schäfchen gewesen.
    Wenn sie Halt brauchten und Trost in diesem Jammertal, dann war er an ihrer Seite. Wenn sie fassungslos dastanden in ihrem Elend, dann stand er neben ihnen. Dafür liebten sie ihn, seine Sterkrader.
    Doch in dieser Septembernacht des Jahres 1866 mühte er sich selbst um Halt, brauchte er selbst Trost, suchte er selbst nach Antworten. Unverwandt sah er zur Kirche hinüber. Er ließ zu, dass seine Gedanken ihm entglitten – bis er erkannte, was er da tat: Er haderte mit Gott.
    Anton Witte bekreuzigte sich. »Verzeih mir, Herr!«, murmelte er. »Ich weiß, dass Deine Ratschlüsse unergründlich sind, und dass es mir nicht zusteht, an ihnen zu zweifeln.«
    Wieder seufzte er, tiefer dieses Mal als zuvor. Dann sagte er laut: »Ich muss es Dich dennoch fragen, himmlischer Vater, mit den verzweifelten Menschen hier und mit Deinem Sohn am Kreuz: Warum hast Du uns verlassen?«
    Düster stand die Clemenskirche da, kaum hob sie sich ab vom finsteren Nachthimmel, der sie umwölbte, und weder von der Kirche herüber noch aus dem Himmel herab gab Gott der Herr sei- nem Diener Anton Witte eine Antwort.
   
Ein Schatten huschte über den Kirchplatz, bald darauf ein zweiter. Ihm folgten weitere in immer kürzer werdenden Abständen. Die schemenhaften Gestalten verschwanden in der Klostergasse, und Witte wusste, dass sie am Ende des Gässchens über den Marktplatz laufen und nach links in die Hüttenstraße einbiegen würden. Er wusste, dass ihnen ein schwerer Arbeitstag in den Werkstätten der Gutehoffnungshütte bevorstand.
    Zwei der schattenhaften Wesen hatten es eiliger als die anderen. Sie näherten sich rasch, bogen nicht zur Klostergasse ab, sondern kamen direkt auf das Pfarrhaus zugelaufen. Nur Augenblicke später schlug der schwere Messingklopfer gegen die eichene Haustür.
    Dechant Witte öffnete das Fenster und schaute hinunter. »Was gibt es denn?«
    »Ein Glück, dass Sie schon wach sind, Herr Pastor!«, rief eine noch junge Männerstimme. »Da liegt ein Toter, oben hinterm Hagelkreuz, mitten auf dem Postweg. Sie müssen sofort kommen!«
    »Nein, guter Gott, nicht schon wieder!«
    »Was haben Sie gesagt, Herr Pastor?«
    »Seid Ihr sicher, dass der Mensch tot ist?«, fragte Anton Witte zurück..
    »Ja ziemlich!«, sagte einer der beiden Männer.
    »Was heißt ziemlich?«
    »Er schien tot zu sein«, kam die Antwort.
    »Gebt dem Heildiener Möllenbeck Bescheid!«, wies der Dechant die jungen Männer an, »und dem Polizeidiener Grottkamp auch!«
    »Und Sie, Herr Pastor, kommen Sie nicht?«
    »Natürlich komme ich!« Dechant Witte schloss das Fenster, ging hinüber zu seinem Schreibtisch, schlug das Kirchenbuch zu und löschte die Petroleumlampe.

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