Die Suche nach dem goldenen Tod

Die Suche nach dem goldenen Tod

Historischer Roman

Eine Reise durch das 18. Jahrhundert

Im Mai 1766 erhält der Bauernsohn Jacob von seiner Äbtissin den Auftrag, ihr verlorengegangenes Betrachtungssärglein zurück nach Sterkrade zu holen. Die Suche nach dem Tödlein der adligen Frau führt ihn von den Städten an Ruhr und Lippe quer durch das Königreich Preußen bis in die Hauptstadt Berlin. Die Reise aus der dunklen Enge seines bisherigen Lebens in die Stadt der Aufklärung wird für Jacob zu einem Weg voller unbekannter Gefahren, überraschender Begegnungen und erschütternder Einsichten. Dabei ahnt er nicht, dass das scheinbar aus Wachs geformte Tödlein der Äbtissin in Wahrheit ein kostbares Juwel ist.“

emons: Roman – 304 Seiten 
ISBN 978-3-95451-158-7
www.emons-verlag.de 

 

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Blick ins Buch

 

Ludgera von Hiesfeld zog das Löteisen aus der Flamme und drückte die heiße Spitze gegen den feingliedrigen Leib aus Wachs, der vor ihr auf dem Tisch lag. Brustkorb, Bauch und Schädel begannen unter dem Lötkolben zu schmelzen. Ludgera legte das Werkzeug zur Seite, nahm die kleine Federzange zur Hand, hob mit ihr Würmchen und winzige Kröten von der Tischplatte und setzte das wächserne Getier in die aufgeweichten Stellen des Körpers.
   Die getreulich geformten Modelle des menschlichen Leibes und des widerlichen Gewürms wurden eins, wurden zum Bildnis eines verwesenden Leichnams, an dem sich Kröten und Würmer labten. Auf dem Tisch vor Ludgera von Hiesfeld lag ein Tödlein.
   Die Seniorin des hochadeligen Frauenklosters zu Sterkrade war eine begnadete Wachsbildnerin. Sie hatte als junges Mädchen auf dem Gut ihrer Eltern das Wachsbossieren von der Mutter erlernt. Die hatte sich zeitlebens mit großer Begeisterung und wenig Begabung daran versucht, Madonnen und Heiligenstatuen nachzubilden. Ludgera hatte das Talent, das ihrer Mutter fehlte. Sie hatte den Blick für die Proportionen einer Gestalt, feinfühlige Hände und so viel Geschick im Umgang mit Bossierhölzern und Lötkolben, dass sie jeden Faltenwurf eines Gewandes, die Muskulatur eines Körpers und selbst den feinen Ausdruck eines menschlichen Antlitzes zu gestalten vermochte.
  Anfangs hatte Ludgera es ihrer Mutter gleichgetan und wächserne Heilige geschaffen. Erst im Kloster hatte sie damit begonnen, Tödlein zu modellieren.
   Sie kannte solche Nachbildungen menschlicher Leichname seit ihren Kindertagen. Betrachtungssärglein hatten auf den Kommoden der Schlafzimmer, auf den Truhen vieler Bauernstuben und in gläsernen Vitrinenschränken adliger Häusern gestanden. In den kleinen Särgen hatten verwesende Körper aus Wachs, von Bauernhänden grob geschnitzte hölzerne Skelette oder kostbare Kunstwerke, Gerippe aus Elfenbein und edlen Metallen, gelegen.
   Als kleines Mädchen hatte sie all diese grausigen Abbilder des Todes mit kindlicher Furcht und Abscheu betrachtet. Doch als sie eine junge Frau wurde, als sie den eitlen Verlockungen und den törichten Versprechungen des Lebens begegnete, als ihr erstes Paar Tanzschuhe durchgetanzt war und sie, erschreckt von den Gelüsten, die in ihr erwachten, nächtelang nicht schlafen konnte, da erinnerte sie sich an das wächserne Tödlein ihrer Großmutter, das seit dem Tod der alten Frau wenig beachtet in einer Fensternische gestanden hatte. Sie holte es in ihr Zimmer und verbrachte viele Stunden ihrer schlaflosen Nächte kniend und betend neben dem Betrachtungssärglein.
   Die junge Ludgera war erfüllt von der unbändigen Sorge um ihre unsterbliche Seele und von der tiefen Überzeugung, dass jedes fadenscheinige irdische Glück und alle flüchtigen Freuden des Lebens nichts waren als Versuchungen des Satans. In jedem Augenblick ihres Daseins war ihr gegenwärtig, dass ihr Körper aus Staub gebildet war und wieder zu Staub zerfallen würde. Schon hinter der nächsten Tür konnte Gevatter Tod lauern, schon bald konnte ihr schöner, reiner Mädchenleib das sein, was da vor ihr in dem Särglein lag: entseeltes, moderndes Gebein.
   Nichts erschreckte sie mehr als die Vorstellung, unvorbereitet zu sein, wenn ihre Stunde schlug, sündenbeladen vor das Angesicht Gottes treten zu müssen und von ihm zur ewigen Verdammnis verurteilt zu werden.
   Eine Prüfung war dieses Leben, ein kurzer, steiniger Weg, an dessen Ende die Menschen für jeden Schritt, den sie gegangen waren, Rechenschaft abzulegen hatten. Denen, die gottesfürchtig auf dem Pfad der Tugend gewandelt waren, stand das Himmelreich offen. Auf die, die lasterhaft und sündig vom Weg abgekommen waren, warteten ewige Höllenqualen, endlose Leiden und Schmerzen.
   Ein Tödlein erinnerte die Menschen an ihre Sterblichkeit, es mahnte sie, zu jeder Stunde auf ihr Ende vorbereitet zu sein, und es führte ihnen immer wieder vor Augen, wie bedeutungslos alles irdische Sein angesichts der Ewigkeit war.
   Ludgera trat ins Kloster ein und entschloss sich bald darauf, ihre Kunstfertigkeit nur noch darauf zu verwenden, kleine Leichname aus Wachs zu formen.
   In einer Zeit, in der gebildete Männer sich übermütig der Welt zuwandten und ein jedes Ding und jedes Geschehen mit dem Verstande zu ergründen und zu erklären suchten, anstatt auf Gottes Ratschlüsse zu vertrauen und sich demütig seinem Willen zu unterwerfen, erschien es ihr so wichtig wie nie zuvor, die Menschen an ihre Endlichkeit und an die Nichtigkeit all ihres Tuns zu erinnern.
   Die Tödlein, die unter Ludgeras Händen entstanden, waren furchterregend und abscheulich. Sie formte verwesende Leichname, deren Schädel noch mit Hautfetzen bedeckt waren, in deren aufgebrochenen Brustkörben Kröten und Ratten an den Rippenknochen nagten, aus deren Unterleibern von Maden angefressene Gedärme hervorquollen, um deren zerfallende Arme und Beine sich Würmer und Schlangen wanden. Die Farbe der toten Leiber, ein rostiges Ocker, erinnerte nicht an menschliche Haut, sondern an welkende Blätter. Für Ludgera war es der Farbton der Vergänglichkeit. Sie hatte lange herumexperimentiert, bis sie ihre Rezeptur gefunden hatte. Sie ließ zartgelbes Wachs von jungen Bienen über einem schwachen Feuer schmelzen, färbte es mit einer Prise Zinnober ein, gab ein paar Tropfen venezianisches Terpentin und ein wenig Talg von einem Schafsbock dazu und rührte zum Schluss einen kleinen Anteil von gebleichtem Wachs in die Masse ein.
   Aus diesem Material formte sie ihre etwa zehn Zoll großen Figuren. Um ihnen Stabilität zu verleihen, gab sie ihnen Kerne aus Gips, oder sie flocht Skelettgerüste aus dünnem Eisendraht, um die herum sie ihre schaurigen Leichname modellierte.
   So waren es wohl mehr als tausend Tödlein geworden, die Ludgera von Hiesfeld in den vergangenen vierzig Jahren geschaffen hatte.
   Unter den Sterkrader Bauern hatte sie einen gefunden, der sich aufs Tischlerhandwerk verstand und Särglein aus Buchenholz für sie baute, schlichte, kleine Kästen mit abnehmbarem Deckel, die den Särgen nachempfunden waren, in denen das Bauernvolk der Gegend zu Grabe getragen wurde. Ludgera legte die Holzkästchen mit weißem Leinenzeug aus, bevor sie ihre Tödlein darin bettete.
   Anfangs hatte sie ihre Betrachtungssärglein an Menschen verschenkt, die ihr nahestanden, an Verwandte und an ihre Klosterschwestern. Dann war eines Tages ein junger Mann in Sterkrade aufgetaucht, der Händler Sylvester Kümmerling, dessen Kasten gefüllt war mit Holzschnitten und Kupferstichen, auf denen Gevatter Tod umherschlich, mit Büchern und Broschüren besinnlichen Inhalts und mit diversen Betrachtungssärglein, wie Ludgera sie aus ihren Kindertagen kannte. Der Handel des jungen Mannes war einträglich. Die Menschen gaben gern ihr gutes Geld für allerlei Erbauliches her, gerade so, als könnten sie sich damit schon ein Stück der ewigen Seligkeit kaufen. Als Sylvester Kümmerling Ludgeras Wachsfiguren sah, war er begeistert und bot ihr zehn gute Groschen oder fünfundzwanzig Stüber für jedes Stück.
   Vor mehr als drei Jahrzehnten war das gewesen. Seitdem kam Kümmerling regelmäßig und kaufte die wächsernen Tödlein auf, um sie auf Märkten und bei Kirchweihfesten feilzubieten.

 

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