Kohle Karnickel und ein Koffer voller Geld

Kohle, Karnickel und
ein Koffer voller Geld

Historischer Kriminalroman

Glutsommer im Ruhrgebiet

Juli 1952. Die Förderräder drehen sich wieder, die Schlote rauchen.
Der junge Journalist Hermann Leschinski ist in diesem heißen Sommer jeden Tag mit seinem Moped im Kohlenpott unterwegs.
Als er von den sechzigtausend Mark erfährt, die angeblich in einem Pappkoffer am Ruhrufer gefunden wurden, vermutet er ein Verbrechen hinter der Geschichte.
Doch erst ein Mord im Essener Grugapark und sein Besuch in einer Duisburger Zechensiedlung bringen ihn auf die richtige Fährte.

emons:
historischer kriminalroman – 256 Seiten 
ISBN 978-3-7408-0006-2
www.emons-verlag.de 

Titel neu vorne

Blick ins Buch

 

  Ich hab über Trümmerfrauen und die Sieger von Seifenkistenrennen geschrieben, über Spätheimkehrer, die sich im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit nicht mehr zurechtfanden, und über Glückspilze, die im Fußballtoto gewonnen hatten. Ich habe grüne Witwen mit Wespentaillen interviewt, die sich in Neubausiedlungen über ein eigenes Bad freuten und von einem eigenen Fernsehapparat träumten. Das war in den fünfziger Jahren. Damals gab es die ersten Selbstbedienungsläden, die ersten Impfungen gegen Kinderlähmung und zum Ende des Jahrzehnts die ersten Feierschichten auf den Zechen im Revier. Als junger Reporter der Ruhr-Post habe ich darüber berichtet.
  Ich bin Kindern begegnet, die in der verpesteten Luft des Kohlenpotts an Rachitis und Leukämie erkrankt waren, und Teenagern, die bei einem Konzert der Beatles in Ohnmacht gefallen waren. Das passierte in den Sechzigern. Es gab immer noch Unglücke unter Tage und immer häufiger Unfälle auf den Straßen, auf denen immer mehr Fahrzeuge unterwegs waren. Ich habe darüber geschrieben, ebenso wie über das letzte Grubenpferd, die ersten Gastarbeiter und die ersten Kumpel, die stempeln gehen mussten.
In den Siebzigern habe ich junge Leute interviewt, die ihren Sommerurlaub an den Ufern des Rhein-Herne-Kanals verbrachten, und Männer und Frauen, die sich in Bürgerinitiativen zusammenschlossen, um ihre Zechensiedlung vor dem Abriss zu retten. Ich habe Reportagen über luxuriöse, neue Einkaufsparadiese, über die erste Taubenklinik im Revier und über die Auswirkungen des ersten Smogalarms verfasst. Die Stahlkrise war ein Dauerthema in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen, ich habe über die Menschen geschrieben, die von ihr betroffen waren.
  Dann kamen die achtziger Jahre, und ich musste über Massenentlassungen und Arbeitsloseninitiativen berichten, über ganze Viertel, die verelendeten, über Städte, deren Sozialämter überfordert waren und deren Straßenlaternen abgeschaltet wurden, weil kein Geld mehr da war. Trotz allem träumte man im Revier eine Weile davon, Austragungsort der Olympischen Spiele zu werden. Ich habe auch darüber geschrieben, genauso wie über die ersten Frauenbüros in den Rathäusern, über neue S-Bahn-Verbindungen, Skat-Weltmeisterschaften und den Besuch des Papstes.
  Als die Neunziger begannen, war der alte Kohlenpott untergegangen, und kurz darauf kam auch das Ende für die Ruhr-Post, für die ich mehr als vier Jahrzehnte gearbeitet hatte.
  Ich wurde in Rente geschickt, mit dreiundsechzig. Mir war es recht. Mein Revier gab es nicht mehr, über das Leben im neuen Ruhrgebiet sollten die Leute berichten, die sich besser darin zurechtfanden als ich.
Meine Geschichten waren geschrieben. Das dachte ich jedenfalls damals.
  Ich zog nach Sterkrade in die Bremener Straße, in das Haus, das einmal meinen Großeltern gehört hatte. Es war schon in meinen Kinder- und Jugendtagen der Mittelpunkt meines Lebens gewesen und es eigentlich auch immer geblieben.
  Ich reparierte die alten Karnickelställe meines Opas und begann, Deutsche Riesenschecken zu züchten.
Vom Reisen habe ich nie viel gehalten. Ich war immer der Meinung, dass es zwischen den Höhenzügen der Ruhr und den Niederungen der Lippe so viele schöne Gegenden und dazu eine so große Ansammlung von Sehenswürdigkeiten gibt, dass meine Lebenszeit vermutlich nicht ausreichen würde, sie alle zu entdecken. Mich irgendwo in der Ferne herumzutreiben, hielt ich für bloße Zeitverschwendung.
  Trotzdem baute ich eine automatische Fütterungsanlage für die Karnickel, die es mir ermöglichte, hin und wieder für ein paar Tage nach Bochum oder nach Bonn zu fahren, wo meine beiden Töchter mit ihren Familien leben.
  Dann tauchten irgendwann die Geschichten wieder auf, die ich nicht geschrieben hatte.
  Ja, es gab sie, ich hatte sie nur im Lauf der Jahrzehnte vergessen. Sie waren ungeschrieben geblieben, weil sie damals, in ihrer Zeit, zu verwerflich oder zu aufrührerisch für die Ruhr-Post gewesen waren, weil sie vielleicht die sittlichen oder die religiösen Gefühle der Leser verletzt hätten, oder weil sie irgendjemandem hätten schaden können, weil es Mut gebraucht hätte, sie zu schreiben, mehr Mut, als ich hatte, oder weil sie so verrückt und seltsam waren, dass kein Mensch sie geglaubt hätte.
  Jetzt bin ich ein alter Mann, und die Geschichten, die nicht geschrieben sind, lassen mir keine Ruhe. Nein, sie sind nicht so wichtig, dass sie unbedingt erzählt werden müssten, nein, das ist es nicht. Ich gehöre nicht zu den senilen Narren, die, den Sensenmann schon im Nacken, noch mit letzter Kraft ihre Lebenserinnerungen zu Papier bringen müssen, weil sie glauben, die Nachwelt könne keinesfalls darauf verzichten. Nein, meine Geschichten braucht niemand, sie werden die Welt nicht um einen Deut besser machen.
  Aber sie sind nun mal da, und manch eine von ihnen erstaunt und fasziniert mich heute nach all den Jahren noch so sehr, dass es mir ein Vergnügen ist, sie zu erzählen.
  Von den merkwürdigen Vorkommnissen um einen alten Pappkoffer voller Geld erfuhr ich zum ersten Mal im Sommer 1952, ein paar Wochen, nachdem ich einundzwanzig Jahre alt geworden war.


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