Im Schatten der Zeche

Im Schatten der Zeche

Historischer Kriminalroman

Das Ruhrgebiet zur Kaiserzeit

Juni 1912. Im Ruhrgebiet ist der Streik der Bergarbeiter ge- scheitert. In Sterkrade halten Gaukler und Schausteller Einzug. Am Vorabend der traditionellen Fronleichnamskirmes liegen im Schatten der Zeche zwei Tote, ein junger Bergmann und ein kleinwüchsiger Artist.
Kriminalwachtmeister Zomrowski sieht sich im Wohnwagen- lager der Kirmesleute um, ermittelt in der Zechensiedlung Dunkelschlag und reist mit der preußischen Staatseisenbahn nach Bonn zur Irrenanstalt.
Das Dienstmädchen Lise verwirrt ihn, ein verprügelter Lehrer verärgert ihn - und der Hauptmann von Köpenick bringt ihn auf die entscheidende Idee.

emons: kriminalroman – 320 Seiten 
ISBN 978-3-89705-714-2
www.emons-verlag.de 

Cover Schatten groß

Blick ins Buch

 

 

Arnold robbte zur anderen Seite des Busches und schaute vorsichtig daran vorbei.
   Nein, die dicke Emmy war da nicht. Aber was Arnold zu sehen bekam, ließ ihn mit offenem Mund staunen.
    Auf der Holztreppe eines Wohnwagens saß ein Mann mit schwarzgrauer Lockenmähne und einem mächtigen, pechschwarzen Bart. Vor ihm auf der Wiese standen eine Riesin und ein Zwerg.
    »Wir müssen uns was einfallen lassen. Es werden wahrscheinlich drei Riesendamen hier sein in diesem Jahr. Als Gräfin Moskowina bist du auf Dauer nur eine von vielen«, sagte der Mann auf der Treppe.
    »Sind die anderen noch größer als ich?«, fragte die Riesin.
    »Was weiß ich! Das spielt keine Rolle. Die Leute sehen euch ja nicht nebeneinander. Wie groß du wirkst, allein darauf kommt's an. Und deshalb werdet ihr beiden ab jetzt zusammen auftreten. Wenn ihr nebeneinander auf der Bühne steht, dann wirkt der Friedrich noch kleiner und du noch größer. Das ist mal sicher. Und dann sollen die anderen sich meinetwegen darüber streiten, wer die größte russische Gräfin hat. Aus euch mach ich was viel Interessanteres: ein Geschwisterpaar aus der Eifel.«
    Der Mann sah die Riesin und den Zwerg triumphierend an.
    »Ein Geschwisterpaar? Wir beide? Das ist doch Quatsch«, sagte die Riesin. Der kleine Kerl schlug sich lachend auf den Oberschenkel. »Nicht, wenn ich es den Leuten verkaufe«, sagte der Mann auf der Treppe. Er stand auf, stieg eine Stufe höher, stemmte seine Hände in die Hüften, verbeugte sich tief und rief über den Lagerplatz hinweg: »Wie unergründlich die Wege des Herrn sind, mein verehrtes Publikum, das wissen Sie alle. Doch manchmal geschehen Dinge, die unser Fassungsvermögen schier übersteigen. In der Eifel, diesem kargen und rauen Bergland, das gewöhnlich nur zähe und arbeitsame Menschen hervorbringt, ereignete sich das Wunder, das Sie jetzt mit eigenen Augen sehen werden. Dort wurde einem braven Paar ein Knäblein in die Wiege gelegt, so klein und winzig, wie es noch nie ein Mensch gesehen hatte. So unendlich langsam wuchs dieser Knabe heran, dass er in seinem Mannesalter gerade die Größe eines zehnjährigen Kindes erreicht hatte. Und auch wenn seine Eltern ihn innig liebten, so grämten sie sich doch über seinen zwergenhaften Wuchs. Als ihnen eine Tochter geschenkt wurde, da beteten sie inständig darum, dieses Kind möge heranwachsen und groß und stattlich werden. Und siehe da, das Mädchen wuchs so schnell, dass es schon in seinem zehnten Jahr nur noch in gebückter Haltung das Haus der Eltern betreten konnte. Und als aus dem Kind eine junge Frau geworden war, da war sie zu einer Riesin herangewachsen, wie man noch nie eine in der Eifel gesehen hatte, wie man wohl in der ganzen Rheinprovinz, ja im gesamten Königreiche keine zweite finden wird. Sehen Sie, meine Damen und Herren, die Riesendame Josefa aus der Eifel und ihren Bruder, den Zwerg Josef.«
    Lachend klatschten die riesenhafte Frau und der kleinwüchsige Mann in die Hände.
    »Und am Schluss eures Auftritts wirst du, Friedrich, über ein Fußbänkchen und einen Stuhl auf einen Tisch klettern und der Josefa einen brüderlichen Kuss auf die Wange geben. Das Publikum wird johlen. Glaubt es mir! Kommt, das probieren wir jetzt gleich mal vor den anderen.«
    »Wahnsinn«, hauchte Arnold, als die drei Kirmesleute in einem der Wohnwagen verschwunden waren.
»Ich hab's dir doch gesagt«, raunte Ferdinand.
    Eine Weile tat sich nichts auf dem Lagerplatz der Schaustellertruppe Marsilius. Gelächter drang aus einem der Wohnwagen. Arnold dachte über die Riesin nach. Ob die wirklich so groß geworden war, weil ihre Eltern so viel gebetet hatten? Oder was hatte das zu bedeuten, was der Mann auf der Treppe da erzählt hatte?
    »Der Zwerg kommt wieder raus«, flüsterte Ferdinand. »Pass auf!«
    Arnold zog sich hinter den Busch zurück. Durch die Zweige sah er den kleinen Mann näher kommen. Er ging auf die Einmündung eines Trampelpfades am Rand der Wiese zu.
    »Das war knapp«, sagte Ferdinand, als der Kleinwüchsige nur wenige Meter neben ihnen über den Pfad gelaufen und im Dickicht verschwunden war.
    »Wenn der gleich zurückkommt, dann sieht er uns«, befürchtete Arnold. »Komm, lass uns abhauen!«
    »Quatsch, der kommt so schnell nicht zurück. Der ist bestimmt irgendwo ein Bier trinken.«
    Arnold war der Gedanke unangenehm, dass es außer den Kirmesleuten in den Wagen vor ihnen nun auch noch diesen Zwerg in seinem Rücken gab, der dort jederzeit wieder auftauchen konnte.
    Hinter der Wiese stampfte eine Dampflokomotive über die Schienen. Arnold legte sich flach auf den Boden. So wurde er vielleicht übersehen zwischen den Gräsern und dem Gesträuch, zwischen all den Farnen und den langblättrigen Pflanzen, die hier den sandigen Erdboden überwucherten. Möglich war's ja immerhin, dass im nächsten Moment die dicke Emmy herauskam, um zu pinkeln. Ein paar Minuten sollte man vielleicht noch abwarten!
    Eine Weile geschah nichts. Dann wurde eine Wohnwagentür geöffnet. Jemand stapfte schweren Schrittes eine der Holztreppen hinunter. Arnold hob hoffnungsvoll den Kopf und lugte am Weißdornbusch vorbei.
    Es war nicht Emmy. Es war ein Koloss von einem Mann. Der stärkste Mann des Kaukasus. Ja, das musste er sein! Er kam geradewegs auf sie zugelaufen. Irgendetwas trug er in der Hand. Arnold drückte sich an die Erde. Das Gesicht zum Lagerplatz gewandt, sah er aus zusammengekniffenen Augen das Unheil herankommen. Zwei Schritte vor dem Weißdornstrauch blieb der stärkste Mann des Kaukasus stehen. Was er in der Hand trug, war ein Topf, ein Nachttopf. Mit einem gewaltigen Schwung seines kräftigen Armes goss der Koloss den Inhalt des Topfes in den Busch. Dann drehte er sich um und ging zurück zu den Wohnwagen.
    Kaum war er verschwunden, sprang Ferdinand auf und huschte durchs Dickicht davon. Arnold folgte ihm. Als sie den schmalen Trampelpfad erreicht hatten, begann Ferdinand zu rennen. Arnold blieb dicht hinter ihm.
    »Das war Pisse!«, schrie Ferdinand.
    »Ich weiß. Ich hab zum Glück nichts abgekriegt«, rief Arnold zurück.
    »Ich schon!«, brüllte Ferdinand und blieb stehen. So urplötzlich stand er starr auf dem Trampelpfad, dass Arnold ihn beinahe umgerannt hätte.
    »Da liegt ein Junge«, sagte Ferdinand atemlos.
    Ein paar Augenblicke standen die beiden Freunde starr nebeneinander.
    »Ist der tot?«, fragte Arnold.
    »Worauf du einen lassen kannst«, murmelte Ferdinand.
    Bäuchlings, die Beine mit den hochgerutschten Hosen quer über dem Trampelpfad, Oberkörper und Kopf zwischen Gräsern und unter wucherndem Blattwerk halb verborgen, die Arme von sich gestreckt wie der Gekreuzigte, so lag dort ein Mensch, der deutlich kleiner war als sie beide.
    »Das ist kein Kind«, sagte Arnold Kückelmann leise. »Das ist der Zwerg.«
    Und dann liefen die Jungen los. Sie sprangen über den Toten hinweg, rasten über den Trampelpfad, bogen in den Fußweg ein, rannten über Straßen, Pfade und Feldwege und hörten nicht auf zu rennen, bis sie endlich in der Reinersstraße angekommen waren.

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