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So konnte es nicht weitergehen! Die Nachrichtensprecher redeten inzwischen so unverblümt vom Zechensterben an der Ruhr, und die Zeitungsredakteure schrieben so selbstverständlich darüber, dass die Menschen anfingen, es für ein unabwendbares Naturereignis zu halten. Aber wenn die Zechen starben, dann gingen auch Eisenhütten und Stahlwerke vor die Hunde, die ein Jahrhundert lang auf der Kohle gewachsen waren. Dann stand das Ende des Reviers bevor! (Zechensterben)
Ruine der Zeche Sterkrade 2010
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»Dieses Ruhrgebiet, das fasziniert mich. Man müsste für jeden Ort drei Wochen Zeit haben, um zu verstehen, was hier vor sich geht. Überall Fabriken, Zechen und Hüttenwerke, wo noch vor ein paar Jahren Äcker und Weiden waren. Und diese Menschen, die zu Tausenden, ja zu Zigtausenden hierher strömen, alle voller Hoffnung, ihr Glück zu finden. Das hat es, soviel ich weiß, erst einmal gegeben in der Menschheitsgeschichte.« (Tod an der Ruhr)
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Arbeiter in der Gießerei der Gutehoffnungshütte
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»Aber das Vorortgeschäft ist nicht schön«, sagte Paula. »Es gibt Pariser Artikel. Aus dünnem Gummi. Die zieht der Mann sich drüber, und es passiert nichts.« »Wo gibt es so etwas denn?« »Na, im Hüttenkonsum nicht. Aber die Kerle, die wissen schon, wie sie drankommen können, wenn du sie sonst nicht ranlässt. Das garantiere ich dir.« Die beiden Frauen tranken ihre Becher leer. Eine Weile schwiegen sie. Katarina stand auf, ging zum Herd und rührte durchs Hühnerfutter. Als sie sich wieder gesetzt hatte, sagte sie: »Dass du überhaupt deinen Spaß dran hast, das versteh ich nicht. Wenn ich morgens um fünf aufstehe und am Abend um zehn endlich ins Bett komme, dann bin ich froh, wenn der Ludwig mich in Ruhe lässt.« (Im Schatten der Zeche)
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Zeitgenössische Erotik-Grußkarte
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Die beiden Zimmer waren nach seinem Geschmack. Das Wohnzimmer vorne raus, das war aufregend, voller Geräusche, mit Blick auf die Bahnhofstraße, die lebendigste Straße Sterkrades. Er sah gern auf die Menschen hinunter, auf die eilenden, drängenden, hastenden Menschen, die in den Einkaufsgeschäften verschwanden, hinter der Straßenbahn herliefen, vor Fuhrwerken aufs Trottoir flüchteten und in letzter Zeit hin und wieder auch vor einem hupenden Automobil. (Im Schatten der Zeche)
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Kerseboom sah sich das Bildnis an. Es zeigte einen stattlichen Herrn im langen Gehrock, der, neben einem Stuhl stehend, für den Fotografen posierte. Unter dem nach hinten gekämmten, schon ergrauten Haar des Mannes wölbte sich eine hohe Stirn. Die Nase war scharf geschnitten, der Vollbart dicht und dunkel. Ernst schaute er drein, dieser Herr, ja beinahe finster wirkte sein Blick auf Arnold Kerseboom. »Ein vornehmer Mann«, befand er. »Einen Revolutionär hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.« »Kennen Sie ihn nicht?«, fragte Banfield erstaunt. Der Former schüttelte den Kopf. »Sollte ich das?« »Sein Namenszug steht unten auf dem Foto. Er hat ihn selbst geschrieben, als er mir das Bild geschenkt hat«, erklärte der Engländer stolz. »Kann ich nicht entziffern.« Kerseboom schob die Fotografie zurück zu Banfield. »Das ist Carl Marx.« »Ein Deutscher?«, wunderte der Former sich. »Diese verrückten Ideen sind von einem Deutschen?« (Tod an der Ruhr)
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»Könnte ein königliches Schloss sein, denk ich immer, wenn ich mich so umguck«, sagte der Hilfspförtner. »Oder ein Gefängnis. Aber was will man machen? Ein paar Gitter vor den Fenstern, die müssen nun mal sein, für die Gefährlichen. Aber sonst ist alles offener geworden in letzter Zeit. Sind ja mehr oder weniger auch nur Kranke, die Irren. Manche werden sogar wieder gesund. Darum sagt man ja auch heute eigentlich nicht mehr Irrenhaus, sondern Heil- und Pflegeanstalt. Aber den Bonnern ist das egal. Für die bleibt das hier die Jecken- und Dullenanstalt. Bin lange schief angeguckt worden, weil ich hier Pförtner bin.« (Im Schatten der Zeche)
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Auf der Rheinfähre von Duisburg nach Orsoy fragte Wagner sich, was wohl aus Moby Dick geworden war. Vor ein paar Wochen hatte der weiße Wal sich in den Niederrhein verirrt. Der Duisburger Zoodirektor und seine Mitarbeiter hatten versucht, das verwirrte Tier mit Rettungsnetz und Betäubungsgewehr einzufangen, aber der weiße Riese, den die Nation Moby Dick getauft hatte, war seinen Häschern immer wieder entkommen. Der Rhein war schmutzig. Wagner roch Chemikalien und Abwässer. Es wunderte ihn, dass der Belugawal seinen Ausflug in diese Kloake nicht mit dem Leben bezahlt hatte. (Zechensterben)
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Als lautes Gelächter aus der nahen Marktschänke seine Traumbilder vertrieb, dachte er einen Moment lang daran, die paar Schritte über den Marktplatz zu laufen, um in der Schänke nach seinen Freunden zu schauen. Doch dann entschied er sich, an diesem Abend nicht mehr zu Ostrogge hinüber zu gehen und auch nicht mehr zur Schnapsschänke auf der Dorstener Straße. Er wollte nach Hause, jetzt sofort. Er wollte diese Fotografie aus der Schublade seines Büffets nehmen, sie ansehen und sich vorstellen, wie es sein könnte, wenn Sybilla seine Frau wäre. (Tod an der Ruhr)
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Ein tollkühner Bursche sprang kopfüber von der Kanalbrücke. Es dauerte eine Weile, bis er prustend wieder auftauchte. Die Oberfläche des schmuddeligen Kanalwassers glänzte trügerisch hell unter der fahlen Sommersonne. Möllmann versuchte, den Gedanken zu verdrängen, dass die Welt nicht so vollkommen war, wie sie in diesem Augenblick zu sein schien. Es gelang ihm nicht. Das Wasser roch abgestanden. Früher hatte er mehr Fische aus dem Kanal gezogen. Schwimmen gehen würde er in dieser Brühe auf keinen Fall. Die jungen Leute konnten sich nur darin vergnügen, weil sie kein sauberes Wasser mehr kannten. Entweder badeten sie im vollgepinkelten Chlorwasser der Badeanstalten oder in der Jauche, die durch den Rhein, die Ruhr und den Kanal trieb. (Zechensterben)
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Das Geräusch kannte er nur zu gut. Die Fachwerkgebäude des Grottkamphofes waren noch hinter dicht belaubten Bäumen verborgen, aber das rhythmische Aufschlagen der Dreschflegel auf dem Deelenboden klang schon deutlich in Martin Grottkamps Ohren. Dass sie auf dem Hof seines Bruders schon so weit waren in diesem Jahr, verwunderte ihn. Eigentlich war das Dreschen doch eine Arbeit des Spätherbstes und des Winters. Auf seinem Weg hierher war er denen vom Försterhof begegnet, die gerade mit den geschulterten Sensen aus dem Getreidefeld gekommen waren. Ans Dreschen dachten die noch lange nicht. Am offenen Deelentor blieb Grottkamp stehen und sah seinen Bruder Paul und den alten Knecht Sebastian die Dreschflegel schwingen. (Tod an der Ruhr)
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»Aber Zomrowski, wir wissen doch, wie's bei solchen Leuten zugeht. Keine Zucht, keine Moral. Da hat der stärkste Mann der Welt ein unzüchtiges Verhältnis mit der schwebenden Jungfrau. Und dann kommt der Zwerg daher und schaut der Jungfrau unter die Röcke. Also stellt der starke Mann den kleinen Mann zur Rede, und da wird der Kleine pampig. Dem Starken gehen die Gäule durch, er greift nach einem Knüppel und schlägt zu. So ähnlich wird es sicher gewesen sein.« (Im Schatten der Zeche)
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